#Social

#Die Sache mit der Nähe und Distanz

Als jemand, der in der Jugendhilfe arbeitet, bin ich täglich davon betroffen: Nähe und Distanz auf professioneller Ebene einschätzen können und diese für ein möglichst positives Arbeitsklima nutzen. Es gibt aber ganz viele verschiedene Berufsgruppen, die sich dieser Sache ausgesetzt sehen und die möglicherweise im Studium oder in ihrer Ausbildung gar nicht darauf vorbereitet wurden: Lehrer_innen, Ärzt_innen, Kranken- und Altenpfleger_innen, Erzieher_innen.. oder um es kurz zu machen: Jede Berufsgruppe, die professionell mit Menschen zu tun hat.

Ich habe mein Studium erst im letzten Jahr Februar beendet und arbeite somit erst seit ca. 1,5 Jahren in der Jugendhilfe im ambulant betreuten Wohnen. Die Arbeit hat wahnsinnig spannende Seiten und wahnsinnig langweilige. Die Nähe und Distanz zwischen den verschiedenen Akteuren zu beobachten gehört zu der spannenden Seite.

Vielleicht erkläre ich ganz kurz im Groben, was ich überhaupt mache:
In unserem betreuten Wohnen leben Jugendliche, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr zu Hause leben können und (manchmal mit gewissen Ausnahmen) den Kontakt zum Elternhaus abgebrochen haben/abbrechen mussten. Die Jugendlichen werden soweit verselbstständigt, dass es ihnen möglich ist, am Ende der Betreuung in eine eigene Wohnung zu ziehen.
Das bedeutet, dass meine Arbeit gekennzeichnet ist vom Kennenlernen und vom Abschiednehmen. Manche Jugendliche bleiben sehr lange, andere verlassen uns bereits nach ca. einem halben Jahr wieder. Das ist ganz unterschiedlich und hängt mit unterschiedlichen Faktoren zusammen. Manchmal werden sie auch ganz plötzlich aus der Situation gerissen, entweder durch Abgängigkeit (also ganz aktiv selbst verschuldet) oder weil sie in eine Suchtklinik müssen, ins Gefängnis, wie auch immer.
(Das alles sind Beispiele, die nicht wirklich so in meiner Einrichtung vorkommen müssen. Ich möchte nur auch denjenigen, die keine Erfahrung in diesem Bereich aufzeigen, welche Möglichkeiten vielleicht in Betracht kommen).
Die meisten suchen aktiv nach einer Wohnung, der Übergang wird geregelt und es findet ein vorbereiteter Abschied statt.
In der Zeit, in der die Jugendlichen bei uns sind, geht es uns darum, ihnen einen Anker zu bieten. Strukturen, etwas, das Halt gibt. Wir möchten eine vertrauensvolle Basis aufbauen, eine positive Beziehung um miteinander arbeiten zu können. Und hier kommt gleich die Nähe ins Spiel. Denn ohne Nähe gibt es keine Beziehung, die ein arbeiten möglich macht. Nähe ist Vertrauen. Mal Spaß. Zuspruch. Halt. Trost. Witze. Rat. Geheimnisse bewahren. Wege zeigen. Lächeln. Nähe ist so viel. Und so gefährlich, wenn man ihr keinen professionellen Rahmen gibt.

Aller Anfang ist schwer.

Jetzt sehe ich mich selbst eher als Wegbegleiterin als als Hierarchie-Pädagoge. Deswegen bin ich im Umgang mit den Jugendlichen meistens sehr locker und relativ entspannt. Es ist aber schon so, dass die Jugendlichen genau wissen, was meine Funktion ist und dass ich manchmal eben auch strenger reagieren muss. Das zeigt sich vor allen Dingen in der Körpersprache, in der Stimmlage und in der Mimik. Und dafür musste ich trainieren.

In meinem Studium konnte ich mehrere Praktika machen. Meine Lieblingszeit habe ich damals in einem offenen Kinder- und Jugendtreff verbracht. Ich war ja auch noch ein paar Jahre jünger, so um die 25-26 Jahre jung. Und ich sehe super jung aus für mein Alter, auch mein Kleidungsstil ist noch relativ angepasst an jugendliche Stile (wobei: jetzt eher weniger, vor vier Jahren aber schon). Und ich hatte schönes langes, gesundes Haar. Ich hoffe, dass an dieser Stelle bereits ein paar Leute schmunzeln, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen hat sich schnell aufgebaut. Vor allen Dingen die Mädchen haben rasch Vertrauen gefasst und mich in ihrer Gruppe akzeptiert.
Aber nicht so wirklich als Sozialarbeiterin. Das wurde mir aber erst kurz danach bewusst. Denn es fing damit an, dass zwei Mädchen ständig an meinen Haaren spielten. Ich habe mehrfach gesagt, dass mir das nicht gefalle und dass sie das bitte lassen sollten – Aber das hat nichts gebracht. Mir wurde dann vom erfahrenen Kollegen geholfen.

Hm. Mist. Total versagt. Ich kann mich nicht mal dabei durchsetzen.
Meine Anleiter waren allerdings super tolle Menschen, die auch schon viel Erfahrung besaßen und zusammen haben wir beratschlagt, wie wir weiter verfahren. Was Körpersprache, Mimik und Sprache ausmachen.
Ich bin vielleicht kein Naturtalent in den Dingen, die ich mittlerweile gut kann, aber ich bin fleißig und selbstbewusst. Und deswegen habe ich mich in diesen Dingen trainiert und bin mittlerweile vom sehr stillen und süßen Mädchen zu einer Frau herangewachsenen, die, wenn sie will, auch selbstsicher und bestimmend klingen kann. Das Haar-Problem löste sich dadurch von allein. Denn ein “Ich mag das nicht” klingt ganz anders, wenn man es anders sagt und auch erklärt, warum man es nicht mag.

Super. Die Mädchen mochten mich auch immer noch, klasse. Sie bauten sogar eine etwas andere Beziehung zu mir auf und haben mich als Teammitglied akzeptiert, die zu den Sozialarbeitern gehörte. Yeah, geschafft!

Die Nähe und Distanz-Falle: facebook

“Ich hab dir eine Freundschaftsanfrage auf facebook geschickt. Nimm die an!”

Huch, oh Gott, was hab ich denn jetzt schon wieder getan, dass mich die Jugendlichen (diesmal nicht nur die Mädchen) auf facebook adden wollen? Ich möchte die Jugendlichen nicht auf facebook adden – Da teile ich Dinge, die auf der Arbeit in der Welt der Jugendlichen keinen Platz haben. Ich agiere mit Menschen, die die Jugendlichen eigentlich nicht interessieren sollen. Ich möchte die Arbeit von facebook trennen.

Jedenfalls habe ich mich dazu schon lange entschieden, habe aber dabei immer eher an Chef – Arbeitnehmer gedacht. Schon fast bedingt durch das Alter habe ich vermutlich einen ganz anderen Draht zu dem sozialen Netzwerk als die Jugendlichen – Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man anonym im Internet startete. Da wusste man in der Allgemeinheit noch nicht, dass irgendwelche IP-Adressen gespeichert werden und man eigentlich nicht wirklich anonym ist. Was war ein Impressum noch mal? Wieso soll ich in Foren meine Realdaten angeben? Da denk ich mir doch was aus! Otto Notto, da hast du meinen Vor- und Nachnamen. Oder Hermine Granger. Irgendwas, nur bloooß nicht meine echten Daten!
Die Jugendlichen heute haben eher weniger ein Problem damit, ihre echten Daten rauszugeben. Die Zeit der Foren und kleinen Netzwerke ist ja ohnehin vorbei – Es gibt ja nur noch facebook und instagram (Twitter ist tatsächlich nicht so in). Und facebook macht wirklich viel im Leben eines Jugendlichen aus. Kontakte werden darüber geknüpft, Diskussionen geführt, Likes werden verteilt auf Dinge, die man mag und zur Selbstdarstellung eignet es sich auch hervorragend. Klar will man sich mit so vielen Menschen wie möglich vernetzen. Auch mit der netten Sozialarbeiterin in spe, die man fast jeden Tag im Jugendtreff sieht.

Nun war ich geistesgegenwärtig genug, die ganze Sache aufzuschieben und die Schuld dem Arbeitgeber zu geben a la “Ich weiß gerade gar nicht, ob das gewünscht ist, wenn Jugendliche und die Mitarbeiter sich auf facebook adden”.
Das war sicherlich nicht komplett gelogen, aber auch nicht der beste Weg aus der Misere. Als Anfängerin, die sich im Vorhinein gar nicht mit diesem Gedanken auseinandergesetzt hat, aber ein guter Weg. Hach, man würde so viel anders machen.
Ich habe dann erneut mit den Anleitern gesprochen, die zwar abgeraten haben, aber auch klar gesagt haben, dass es keine Regelungen gibt und ich selbst entscheiden könne. Ich soll meine Entscheidung den Jugendlichen dann nur bitte auch erklären.

Und genau das habe ich dann auch getan. Ich habe mich dazu entschieden, die Jugendlichen nicht auf facebook meinen Kontakten hinzuzufügen und habe erklärt, dass ich sehr gerne in der Einrichtung arbeite und gerne meine Zeit dort verbringe, aber das ich facebook privat nutze und das gerne trennen möchte. Das wurde auch von fast allen gut aufgenommen und akzeptiert, bis auf zwei Mädchen, die beleidigt waren.

Nähe und Distanz wahren bedeutet auch: Man ist nicht jedermanns Liebling!

Und das ist auch gut so. Denn es geht in der professionellen Arbeit eben nicht darum, von jedem gemocht zu werden. Es geht darum, die Menschen in den bestimmten Lebensabschnitten beratend zur Seite zu stehen (das habe ich jetzt so grob formuliert, damit es wieder auf jeden Beruf passt) und nicht der best buddy zu werden. Dafür hat man ja eigene Freunde.

Okay, aber WARUM ist es denn eigentlich so wichtig, diese Distanz zu halten?

Man braucht eine gewisse Distanz um Probleme nicht persönlich zu nehmen. Um nicht emotional darin verwickelt zu werden. Damit man das Große Ganze nicht aus den Augen verliert. Denn sonst kann es unter Umständen passieren, dass Entscheidungen nicht mehr aufgrund rationaler Überlegungen getroffen werden, sondern die Subjektivität zu groß wird.

Dazu ein Beispiel, das ich so erlebt habe (jedoch teilweise abgeändert aus Datenschutzgründen):

Ein Jugendlicher verließ uns sehr, sehr plötzlich aufgrund von Straffälligkeit. Die Untersuchungen laufen zwar noch aber da Fluchtgefahr besteht, wohnt er nicht mehr  bei uns. Er geht auch nicht mehr in die alte Schule. Eine Lehrerin war scheinbar sehr stark mit ihm verbandelt. Sie hat sich stets sehr für ihn eingesetzt und laut eigener Aussage war sie auch eine starke Vertrauensperson, der der Jugendliche alles anvertraute. Nun ist der Jugendliche bereits ein paar Monate nicht mehr bei uns, der Fall ist abgeschlossen. Doch die Lehrerin hing von Anfang an zu sehr daran. Sie hat beinah täglich bei mir angerufen, sich erkundigt, ob ich irgendetwas neues wisse (natürlich nicht, ich bin ja nicht der Vormund). Sie war dreimal persönlich hier um sich zu solidarisieren und Zuspruch zu erhalten. Zwei mal hatte sie die Freundin des Jugendlichen dabei, die durch Besuche etwas mehr wusste. Sie bezeichnete andere Einrichtungen, die sie abwiesen als “scheiße”, aber ganz ehrlich: Die machen auch nur ihre Arbeit. Ich habe mit der Lehrerin ebenfalls vereinbart, dass sie nicht mehr kommen brauche und dass es, sollte es überhaupt jemals etwas neues geben, sie sich gern telefonisch melden kann. Sie selbst stellte Untersuchungen an, stellte Kenntnisse aller anderen Stellen in Frage und ja, was soll ich sagen. Gebracht hat das alles nichts. Aber erst letzte Woche hatte ich einen Anruf, wie es mir denn gehen würde nach dem was passierte. Und ob ich mich mittlerweile damit abgefunden habe. Das habe ich. Allerdings bereits schon seit Monaten – weil ich eine professionelle Distanz zu dem Jugendlichen bewahrt habe.
Für sie wird dieser Fall noch lange, lange, lange Zeit nicht abgeschlossen sein. Und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das für ein Gefühl sein muss, abends im Bett zu liegen und mit Grauen an die Arbeit zu denken und an die vielen Vorfälle, die sie als Lehrerin an einer Brennpunkt-Schule sicherlich mitkriegen wird.

Ein anderes Beispiel:
Ich arbeite mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Eines der Mädchen kam mit einem Schlepperboot aus Afrika nach Deutschland. Eines Tages als wir zusammen mit ihrer besten Freundin (ebenfalls aus Afrika) gegessen haben, zeigten sie mir Videos von geretteten Booten, Dokumentationen von Fluchten über das Meer. Und beide haben dabei angefangen zu weinen – meinten, sie warten teilweise auch noch auf Familienmitglieder. Aber sie wüssten nicht, ob sie es überhaupt geschafft hätten das Festland zu erreichen oder überhaupt Libyen zu verlassen.

Was tun? Mit den Mädchen weinen? Natürlich treffen mich solche Situationen menschlich. Eine Nähe-Distanz Beziehung aufrecht zu erhalten, bedeutet ja nicht, gefühllos zu werden. Denn es geht ja nicht nur um Distanz. Sondern auch um Nähe. Denn hätte ich von vornherein nicht so viel Arbeit in die Beziehung gesteckt und hätte ich nicht versucht, ein vertrauensvolles Miteinander aufzubauen, dann wäre es zu dieser Situation ja gar nicht gekommen. Aber wie nah lässt man solche Schicksale an sich? Wie weit erlaubt man sich denn selbst, sich zu öffnen?
In diesem Fall ging es darum, dass die Mädchen sich mir öffneten und mir Erlebnisse aus ihrer Lebenswelt nahe brachten. Aber sicher nicht, damit ich mit ihnen weine. Sondern damit ich ihnen Halt geben kann und Stärke. Und genau dafür habe ich mich entschieden. Es ist okay, wenn man einem ansieht, dass das ganze einen trifft. Aber die Aktion, jemandem Halt zu geben muss unbedingt stärker sein. Und hier, in diesem Fall, auch ruhig mit Körperkontakt.

Und hier ist die Krux an der Geschichte.
Als Mensch ist man empathisch. Man empfindet. Man fühlt. Man lernt.
Fälle, die einen betroffen machen, die einen emotional mitnehmen, sollten unbedingt nachbearbeitet und reflektiert werden – wenn nötig auch durch Supervision.

Eine Nähe-Distanz-Beziehung aufzubauen ist für manche Menschen schwierig, einige lernen es leider gar nicht. Ich weiß nur, dass es kein Generalrezept dafür gibt, wie bei so vielem was die Sozialwissenschaften betrifft. Es gibt natürlich Hilfen und Handlungsempfehlungen – Aber wie und ob man diese umsetzt bleibt am Ende jedem selbst überlassen, denn jeder hat eine eigene Grenze, wie viel hält er aus, wie nah kann er Menschen an sich ranlassen?

Fragen, die man sich selbst stellen kann

Wie findet man denn nun heraus, was zu nah ist? Und was geht? Ich schlage vor, dass zu Beginn erst mal jeder für sich selbst folgende Fragen beantworten sollte. Erst wenn dieser Versuch (es können auch ruhig mehrere sein) geglückt ist, macht es Sinn, sich weiter zu reflektieren und den Umgang mit anderen.

  1. Nähe ist immer auch eine Vertrauenssache. Wie viel möchte ich von mir erzählen? Was möchte ich von mir preis geben?
  2. Möchte ich Körperkontakt zu der anderen Person? Wenn ja, wie kann ich diesen möglichst so gestalten, dass er in das Beziehungsgefüge passt?
  3. Wie viel möchte ich von einer anderen Person wissen? Wo ziehe ich die Grenze?
    (z.B. Krankheiten, Beziehungsprobleme, familiäre Angelegenheiten, …)
  4. Wie nah möchte ich andere Personen physisch an mich heran lassen, also körperlich? Wo ziehe ich die Grenze?
  5. Wie viel Zeit möchte ich gedanklich mit der anderen Person verbringen?
  6. Wie sehr nehmen mich die Probleme/Angelegenheiten anderer Personen generell mit? Kann ich gut abschalten?
  7. Was kann ich tun, um mich von Gedanken um die andere Person abzulenken? Wieso brauche ich überhaupt Ablenkung? Ist das Nähe-Distanz-Verhältnis passend?
  8. Fühle ich mich wohl und sicher mit den getroffenen Antworten? Wenn nein: Kann ich noch etwas ändern?

Es klingt möglicherweise hart, wenn ich das sage: Aber auch in der Beziehungsarbeit mit Menschen, denen man helfen möchte, muss man zuerst an sich selbst denken. Sei es ein beruflicher Kontext oder ein privater – Das eigene Befinden sollte stets an hoher Stelle stehen. Denn das schlimmste, was passieren kann ist es, sich selbst so sehr in die Situation hineinzuleben, dass es “die eigene Situation” wird und nicht mehr die, der anderen Person. Denn dann ist man häufig nicht mehr fähig, der anderen Person zu helfen und vor allen Dingen hat man zusätzlich das Problem, sich auch noch um sich selbst kümmern zu müssen. Ich habe jetzt keine Studien gewälzt, aber ich bin davon überzeugt, dass sicherlich nicht wenige Burnout/Depressionsfälle von einer Beziehungsarbeit rühren, die schlecht für einen selbst ist.

Es gibt verschiedenste methodische Spiele um sich zumindest was diese Grenzen angeht selbst zu reflektieren. Sie können eine Hilfe bieten. Der Rest ist neben dem theoretischen Wissen auch ganz einfach das Gefühl, das oft schon einen gewissen Richtwert angibt, was die eigenen und die fremden Grenzen angeht.

Ein ganz interessantes Buch kann ich mit einer Leseprobe empfehlen:

Dörr und Müller (2012): Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität.

Koblenz

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