Warum Twitter nicht mehr so ist, wie es mal war. Und warum das gut ist.
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Warum Twitter nicht mehr das ist, was es mal war. Und warum das gut ist.

 

“Dein Twitter ist mir zu politisch.”

“Kann man nicht einfach mal nen witzigen Tweet raushauen, ohne, dass er direkt gesellschaftlich zerpflückt wird?”

“Twitter ist nicht mehr das, was es mal war!”

 

So oder so ähnlich klingen ab und zu Stimmen aus meinem (Internet-)Umfeld und aus meinem eigenen Kopf. Die sozialen Netzwerke. Was wären wir ohne sie? Ohne die ständige Möglichkeit, sich selbst darzustellen? Ohne die Möglichkeit, sich selbst ständig neue Stigmata zu geben um möglicherweise andere zu verstecken oder um irgendwo dazu gehören zu wollen? Ohne die Möglichkeit, einfach ein Bild seines Essens zu teilen, einfach um zu zeigen: Hier, das ess ich grad. Versucht es auch mal; es schmeckt super lecker!?

Ich habe einfach mal alte Tweets von mir selbst gelesen. Die waren erstaunlich belanglos. Es ging um schlechte Laune, gute Laune, um persönliche Gedanken – Aber selten hatten diese einen Mehrwert. Es glich mehr dem, sich selbst Gehör zu verschaffen. Ohne Hashtags. Ohne besondere Funktion.
Nun habe ich diese Tweets auch im Jahr 2009 verfasst – Das war vor 9 Jahren. Da war ich gerade 21 Jahre alt, habe noch nicht gewusst wohin mich mein Leben mal führen wird. Ich habe noch bei meiner Mutter zu Hause gewohnt, wusste zwar theoretisch schon von vielen Dingen, aber ich musste mich eben noch nicht allein versorgen. Es war noch ein behütetes zu Hause.

Mittlerweile schreib ich immer noch belanglose Dinge. Über Busfahrten, über Urlaube, über Freizeiten, dass ich Langeweile habe. Das hat sich nicht verändert. Ich teile aber nicht mehr jeden Gefühlstatus mit – um Gottes Willen – das könnte ich mir aus diversen Gründen nicht erlauben. Der wichtigste Grund ist, dass ich es schlicht nicht will. Ich muss nicht mehr alles in die Welt hinausschreien. Es geschehen so viele Dinge bei mir, von denen nur die engsten Personen wissen. Das finde ich gut. Ich finde es aber auch nicht weiter schlimm, wenn Menschen sehr viel nach außen tragen – Das sind eigene Entscheidungen mit den Netzwerken umzugehen. Ich habe eine Lösung für mich gefunden, mit der ich sehr zufrieden bin.

Ich bin politischer geworden.

Eine Sache hat sich aber verändert. Ich bin viel politischer geworden. Und gesellschaftskritischer. Das mag mehrere Gründe haben:

  1. Ich bin älter geworden. Ich habe verstanden, dass Politik mich direkt betrifft. Auch wenn es oft den Anschein macht, dass das alles ja gar nichts mit einem selbst zu tun habe. (Spoiler: Diese Annahme ist falsch.)
  2. Ich habe einen Beruf erlernt, in dem man lernt, gesellschaftskritisch zu denken. Am besten in alle Richtungen. Am besten ohne Extreme.
  3. Ich habe einen sehr diversen Freundes- und Bekanntenkreis so dass, siehe oben, Dinge einen eben doch sehr oft betreffen.
  4. Ich fühle mich verpflichtet, an der Gesellschaft teilzuhaben. Weil ich nämlich das Privileg habe, dies zu können.

Deswegen schreibe ich mittlerweile viele Tweets, die einen gesellschaftlichen Hintergrund haben oder eben einen politischen (was sich niemals ausschließt, sondern sowieso immer zusammenhängt). Ich meckere sehr oft einfach nur. Twitter bietet nicht die richtige Plattform für differenzierte Diskussionen. Das finde ich manchmal schade und manchmal sehr gut. Ich hätte oft das Bedürfnis auf Tweets zu reagieren, aber mir reichen dann die Zeichen nicht, die ich zur Verfügung habe. Oft lasse ich es dann einfach.

 

Denn aus mehreren Jahren Twitter-Erfahrung habe ich gelernt: Beginne keine Diskussion, die du nicht in 140 Zeichen fassen kannst. Tu es nicht. Rly. Just no.

 

Was ich ebenfalls sehr, sehr, sehr gerne tue:
Ich retweete oder like (schönes Wort: like. Wird “leike” ausgesprochen. Mag ich total gar nicht, nutz ich aber ständig) Zeitungsartikel, Blogartikel, Artikel aus Magazinen, die sich mit einem Thema befassen. Entweder kontrovers oder differenziert, manchmal auch nur aus einem einzigen Blickwinkel – ganz verschieden. Hauptsache, mich spricht das Thema an (mich sprechen viele Themen an) und ich finde mich irgendwie in dem Artikel wieder. Und wenn es durch eine Kritik ist, die ich selbst kurz beim liken oder teilen geschrieben habe.

Ich retweete gerne Tweets von Politikern. Aber nicht von den rechten. AfD-Tweets gibts bei mir nicht mehr. Denn es ist immer nur das selbe, das sollte mittlerweile jedem bewusst sein (haha, ist es nicht). Die AfD ist eine rechte (rechtsextrem möchte ich fast sagen) Partei, möchte Menschenrechte einschränken. Sie ist rassistisch und diskriminiert auch Einheimische: Vor allen Dingen Frauen, LGBT*-Menschen, Arbeitslose, Arme, Behinderte, Kranke,…
Man könnte ja fast einen Bezug zur Hitler-Zeit ziehen, könnte man, wenn man sich denn traute. Und mit “man” meine ich Politik. Und mit “könnte” meinte ich muss. Und mit “Bezug ziehen” meine ich verbieten. Aber gut, das ist nur meine Meinung.

Und hier kommen wir zum wichtigen Punkt – Worauf ich eigentlich mit diesem Beitrag hinaus will:

Das ist nur meine Meinung!

Aber es ist nicht “nur” meine Meinung. Es ist meine Meinung. Und wer bin ich? Ich bin Teil dieser Gesellschaft – ob ich es nun will oder nicht (Ich will aber). Ich bin Akademikerin, ich wurde teils feministisch erzogen, ich habe einen sicheren Job, ein nettes Einkommen, keinen Migrationshintergrund, bin sexuell gefestigt und zufrieden mit mir selbst: Ich bin privilegiert! Okay, ich bin ne Frau – ein bisschen Schwund is immer – aber es ist so: Ich bin privilegiert. Und Herr Gott, als privilegierter Mensch gebe ich mir selbst die Pflicht zu handeln und zu denken und zu verbreiten. Zu kritisieren, zu hinterfragen, mich zu interessieren!
Was ist los in dieser Welt? Was passiert gerade? Wer ist dieser Horst über den alle schimpfen? Welcher Jens verbietet den Menschen zum Arzt zu gehen (huch, das war jetzt ungewollt CSU-lastig, ahaha)? Wie funktioniert die gesellschaftliche Teilhabe? Wie viele Menschen sterben täglich auf dem Meer? Wie viele Menschen suchen denn täglich Schutz? Wie funktioniert Integration gerade? Funktioniert sie überhaupt? Und wo sie nicht funktioniert, warum tut sie das nicht? Wie viele Menschen werden gezwungen, Jobs anzunehmen, die sie aus guten Gründen nicht tun wollen? Wie viele leben unter dem absoluten Existenzminimum, weil sie sich nicht an surreale Regelungen halten wollen (oder können)? Was läuft alles gut? Wie gehts voran in der Technik?

Ich interessiere mich für so unfassbar viel! Und ich bin Expertin in gewissen Dingen (durch meinen Job) und kann trotzdem immer wieder meinen Horizont erweitern. Und diskutieren und kritisieren und hinterfragen, lernen, lehren.

“Nur” meine Meinung?
Wer, außer uns, soll denn für die Schwächeren kämpfen? Wer soll sie denn hervor heben?
Versteht mich nicht falsch: Ausgeschlossene, Abgehängte, Diskriminierte… Die kämpfen bereits. Und sie kämpfen hart. Sie kämpfen schon so lang. Aber manchmal fehlen eben die nötigen Mittel. Das ist ja auch institutionell so gewollt – Sonst gäbe es ja Bestrebungen, Ungleichheiten aufzulösen. Ernst gemeinte Bestrebungen. Bestrebungen, die verfolgt und ausreichend finanziert werden, meine ich. Keine leeren Worte wie Inklusion, soziale Teilhabe und Chancengleichheit, die von Sozialwissenschaftlern und Pädagogen so gut es geht gefüllt werden wollen, aber dann doch viel zu oft ins Leere laufen.

Wenn wir, die wir es können, uns nicht für unsere Politik und für unser Leben interessieren… dann frage ich mich, wie wir eigentlich in die Lage gekommen sind, es zu können. War es viel Glück? Viele Zufälle?

Ich finde, wir sind es uns selbst schuldig uns zu interessieren. Und auch uns zu engagieren. Und wenn es nur in den sozialen Medien ist. Ich verlange nicht mal von jedem, dass er auf die Straße geht (okay, doch, eigentlich tu ich das schon, man wird ja träumen dürfen) – Aber ich verlange von jedem, dass er sich informiert. Und anfängt zu interessieren. Immer nach eigenem Ermessen, immer so, dass es zumutbar ist. Und wenn dann die Zeit gekommen ist, erwarte ich von jedem, dass er positioniert. Wenigstens für sich selbst.
Aber es ist einfach zu schade, dass Menschen, die können, diese Chancen verstreichen lassen.

So schade.

Und dann lese ich immer öfter Tweets von Freunden und Bekannten, die ihre Chance nutzen. Die Dinge nicht unkommentiert lassen, die Missstände hervorheben, die bekanntmachen, die retweeten, die Hashtags nutzen.

Darum ist es gut, dass sich Twitter verändert hat

Ich neige nicht zum Pessimismus. Ich bin Optimistin. Aber aktuell erleben wir einen Rechtsruck in der Gesellschaft, der mir Angst macht. Dieser Rechtsruck richtet sich zum größten Teil gegen die geflüchteten Menschen, die irgendwo einen Platz zum leben suchen. Er richtet sich aber auch gegen alle Menschen, die nicht in konventionelle und konservative Muster passen. Das schlimmste ist, dass er sich “gegen Menschen” richtet und nicht dafür kämpft, etwas besser zu machen. Es gibt kaum mehr (oder keine mehr?) Artikel in Zeitungen, Magazinen, etc. unter denen in den Kommentaren keine menschenfeindlichen Worte stehen. Es gibt kaum mehr öffentliche Posts in sozialen Netzwerken, die nicht menschenfeindlich kommentiert werden. Aber es ist auch selten so, dass diese Posts unkommentiert bleiben. Es gibt sie noch, die Helden, die ihre freie Zeit dazu nutzen, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Die noch immer die Kommunikation und das Gespräch suchen. Die argumentieren und sich keinen Totschlagargumenten hingeben (egal ob entgegnet oder selbst benutzt). Es gibt so viel Unrecht auf der Welt. Und durch die Digitalisierung ist es den Medien möglich, viel mehr davon zu berichten als früher. Manchmal leider, manchmal glücklicherweise. Über die Art und Weise WIE Medien das machen, möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren.

Aber es ist gut, dass jetzt, wo so viele Menschen im Internet demonstrieren und zu Wort kommen und sich Straßenkämpfe in das www verlagern, dass sich Twitter verändert. Dass es politischer genutzt wird, gesellschaftskritischer. Mit Hashtags (ich liebe Hashtags), mit Verlinkungen, mit Quoten und Zitaten. Die Diskussion findet online statt. Und sie muss stattfinden. Egal wo. Sie muss.

Und deswegen hat sich Twitter verändert. Und deswegen ist das gut so.

Koblenz

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