Titelbild: Was das Wort mit uns macht.
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Was das Wort mit uns macht.

Heute möchte ich mich mit einem Thema beschäftigen, welches ich als äußerst wichtig empfinde. Und zwar geht es um die Wirkung der Sprache, der Worte die wir benutzen – Im Alltag, in Debatten.

Wer mich kennt, der weiß genau, was Anlass dazu ist: Genau. Der sogenannte Rechtsschub in der Gesellschaft – oder wie ich es jetzt nennen möchte: Die Entmenschlichung. Und anders als manche andere jetzt sagen, sind daran nicht die Flüchtlinge schuld. Sondern ganz, ganz viele andere Faktoren gemeinsam. Es gibt nicht “den einen” Schuldigen. Es ist, meiner Meinung nach, mehr die Folge einer Politik zu Gunsten der Starken und auf dem Rücken der Schwächeren. Das hat mit der mythischen Chancengleichheit zu tun, die es scheinbar in Deutschland geben soll, die ich nur noch nicht gefunden hab, mit Firmen und starken Lobbys, mit Geld, mit Faulheit zu denken, mit politischen Posten, mit der Standhaftigkeit gegen Entwicklung und Wandel, mit ungerechter Verteilung der Staatsgelder, mit so so so so vielen anderen Dingen, die auch noch mit hinein spielen; aber auch mit Sprache. Und Sprache können vor allen Dingen Populisten sehr gut. Wir sehen das an Beispielen wie der Präsidentschaft von Trump, dessen Wähler bewusst in einer Sprache angesprochen wurden, die sie verstehen, die sie sprechen. Das war ein Einstellen auf die Wählerschaft. Und dann gibt es Sprache, die bewusst genutzt wird um etwas voran zu treiben. Um Entwicklungen herbeizuführen, Veränderung im Denken. Denn das tut die Sprache. Sie verändert unser Denken. Und das Denken verändert unsere Sprache. Wer jetzt gerissen ist, erkennt den direkten Zusammenhang und dem ist möglich, das gegeneinander auszuspielen.

Sprache geschieht im Gehirn.

Nun kann ich natürlich leicht daher reden, so ohne Doktortitel in Sprachwissenschaften oder in Soziologie oder Deutsch, Neurobiologie oder den anderen Disziplinen, die sich mit der Entwicklung von Sprache auseinander setzen. Deswegen möchte ich mich gleich zu Beginn auf ein paar Fakten berufen. Aber bitte nicht weglaufen!

Zum einen hat sich die Sprachforschung entwickelt. So erklärt Angela Friederici (Sprachforscherin, Linguistin, Psychologin, Neurowissenschaftlerin), dass früher Erkenntnisse über die Sprachverarbeitung im Hirn nur am aufgeschnittenen Gehirn untersucht werden konnten, an Patienten mit einer Hirnschädigung, die dadurch einen Sprachdefizit hatten. Erst seit etwa 15 Jahren (da war ich schon 15 Jahre alt!) können Wissenschaftler mit modernen Techniken einzelne Hirnwindungen erkennen und somit ist es möglich, die verschiedenen Bereiche des Gehirns zu erforschen (ist es nicht spannend, dass wir noch so unfassbar wenig über uns selbst wissen?). Dabei kam heraus, dass es verschiedene Bereiche im Hirn gibt, in denen Grammatik, die Bedeutung ihrer Wörter und die Satzmelodie verankert sind. Hm. Nehmen wir uns einen Moment Zeit um darüber nachzudenken, dann wird uns bewusst, dass die Sprache mehrere Teile des Gehirns beansprucht – und damit auch beeinflusst.

 Sprachverstehen passiert in Millisekunden: Während wir hier miteinander sprechen, machen Sie sich ja zum Beispiel gerade gar keine Gedanken darüber, wie Sie Sprache verarbeiten. Das funktioniert alles hochautomatisch in insgesamt einer halben Millisekunde – inklusive dem Abgleich, ob Sie über das Gesagte schon etwas wissen.

Angela Friederici

Ich möchte jetzt aber hier keinen biologisch-wissenschaftlichen Artikel schreiben, weil ich ganz ganz viele Worte da nicht mal ansatzweise verstehe und meine Recherche würde vermutlich länger dauern, als bei Leuten, die sich bereits damit auskennen und ebenfalls darüber schreiben. Es ist aber sehr interessant und wer sich nicht von biologischen Worten abschrecken lässt, der sollte da mal einen Blick reinwerfen (also nicht ich. Definitiv nicht.).

Frederici erklärt weiter, wie ein Wort verstanden wird – Am Beispiel des Wortes “Baum”. Mit diesem Wort verbindet unser Gehirn sofort ein bekanntes Objekt, identifiziert also seine Wortform als ein “Wort meiner Sprache”. Abgeglichen wird das Wort dann noch mit mehreren anderen Worten, so dass es als Nomen erkannt wird und über diesen komplexen Weg findet unser Gehirn dann die Bedeutung des Wortes “Baum”. Soweit so gut. Aber jetzt kommt der Clou, auf den ich mit meinem Blogeintrag eigentlich wirklich hinaus will: Nicht alle Details zum Wort “Baum” sind in dem Bereich des Gehirns abgespeichert, in dem wir uns gerade befinden. Jetzt übernimmt ein anderer Bereich im Großhirn (der Assoziationscortex) die Aufgabe, uns zu vermitteln, was wir bislang alles mit dem Wort “Baum” assoziieren. Das bedeutet, es gibt einen Bereich im Gehirn, der Informationen, Bilder und Erfahrungen zu bestimmten Worten speichert und diese dann automatisch mit den Begriffen verbindet – Damit wir überhaupt eine Ahnung haben, wovon wir sprechen.

Ähnlich spannend (oder vielleicht sogar noch spannender, das weiß ich aktuell nicht) sieht es bei Wörtern aus, die abstrakt sind. Die eigentlich keine feste Bedeutung innehaben. Frederici spricht dies kurz mit dem Wort “weil” an. Das Wort “weil” hat keine Bedeutung an sich, es ist keinem Objekt zugeordnet, aber trotzdem gibt es einige Assoziationen im Hirn. Und die stärkste wird die sein, dass nach einem Wort wie “weil” eine Erklärung folgt. Es ist also ein strukturierendes Wort. Ein Beispiel: Ich esse, weil ich hungrig bin. Dass ich etwas essen muss, ist also eine logische Folge meines Gefühls des Hungers. Diese Fähigkeit soll uns, laut Frederici, auch besonders von Tieren abgrenzen, die diese strukturierenden Assoziationen nicht herstellen können. (Ein Witz, dass genau diese Funktionsweise also genutzt wird um uns manchmal dazu zu bringen uns echt so zu verhalten wie Tiere..)

Das ist jetzt eine ganz kurzgefasste Wiedergabe von dem, was Frederici sagte. Das Interview im Original findet ihr hier: 
https://www.mpg.de/10318278/interview_friederici_sprachforschung

Fassen wir das also noch mal zusammen: Es gibt einen Bereich im Gehirn, in dem Worte gespeichert werden. Und einen anderen Bereich im Gehirn, in dem verschiedene Assoziationen gespeichert sind.

Die problematischen Wörter

Welle. (Bitte entschuldigt, dass ich direkt damit anfange, aber es ist so herrlich einfach zu verstehen.) Eine Welle bricht über uns herein, eine Welle ist unaufhaltsam. Eine Flutwelle kann ganze Städte zerstören. Man kann ihr nicht ausweichen. Wenn sie bricht, bricht sie unkontrollierbar. Nun. Welches Wort kennen wir denn, in Bezug auf das Wort “Welle”, welches ständig genutzt wird? Ah ja! Die Flüchtlingswelle! (ihr habt gedacht ich bring den Westerwelle, gebts zu!) Das bedeutet, dass unser Gehirn beim Wort “Flüchtlingswelle” unweigerlich die Assoziation weckt, etwas würde unaufhaltsam über uns hinwegbrechen und möglicherweise bleibende Schäden verursachen. 
Interessanter ist das Wort “Flüchtling”. Denn dies hat, je nach Person, ganz unterschiedliche Bedeutungen, die im Hirn gespeichert sind. Einige assoziieren möglicherweise Schreckensgestalten, die Drogen dealen und alle Frauen vergewaltigen damit. Andere ausschließlich hilfsbedürftige Menschen, die keinen Sinn mehr im Leben haben. Andere wiederum einfach nur Menschen mit islamischen Glauben. Und dann gibt es die Menschen, die mir persönlich am liebsten sind, weil man mit ihnen differenziert über Dinge sprechen kann: Sie assoziieren das Wort “Flüchtling” relativ offen. Ein Mensch aus einer anderen Region, der von dort geflüchtet ist. Weder negativ noch positiv besetzt, sondern diese Attribute werden nur nach Einzelfall festgezurrt (die bösen Einzelfälle, ja, ich weiß!)

Gut. Nehmen wir einen Begriff, der nicht aus dem Flüchtlingsthema kommt und wo es dennoch stimmt, dass ganz absichtlich Worte genutzt werden um bestimmte Verhaltens- und Denkmuster zu etablieren: Hartzer.
Menschen, die Leistungen aus dem SGBII erhalten (auch ALG II genannt oder halt umgangssprachlich Hartz 4/ Hartz IV) haben einen schlechten Ruf in unserer Gesellschaft. Als Schmarotzer, faule Säcke, Idioten. Das wird zwar aktuell in der medialen Politik nicht mehr so eindeutig benannt (es gibt ja gerade andere Sündenböcke), aber ich gehe davon aus, dass dies wieder offener geschehen wird, sobald die Flüchtlingsproblematik endlich endlich mal von der ständigen Agenda gestrichen wird. 

Mit Hartz IV verbindet die Allgemeinheit so ziemlich vieles: Tragische Schicksale, Faulheit und eben oben genanntes. Und nicht zu vergessen das so genannte Assi-TV. TV-Serien, die im öffentlichen Fernsehn vor allen Dingen vormittags beginnen und sich bis in den Nachmittag ziehen. Sowas gucken Assis. Assis sind Menschen, die viel Bier trinken und viel Zigaretten rauchen. Manchmal nehmen sie auch Drogen, oft sind sie ungepflegt und stinken. Sie sind faul und bewegen sich vom Bett höchstens auf die Couch. Jedenfalls hab ich mir das so oft genug sagen lassen. Wenn also nur Assis dieses Assi-TV gucken, dann müssen es Menschen sein, die zur normalen Arbeitszeit (Schichtarbeit mal ausgenommen) zu Hause sind: Menschen ohne Beschäftigung. Das sind also unsere Assis. Die Hartzer. Ganz logisch. 

Ich stelle die Behauptung auf, dass fast alle, die diesen Beitrag jemals lesen werden ähnliche Bezeichungen und Beschreibungen schon mehr als einmal gehört haben! So mutig bin ich. Und auch so desillusioniert von unserer Gesellschaft. Das alles sind Assoziationen, die in unseren Gehirnen gespeichert werden.

Was bedeutet das für uns?

Unbewusst und ganz automatisch werden diese Assoziationen mit den Worten, die wir hören und sprechen verbunden. Da können wir überhaupt nichts für. Und wir können es nicht ändern. Das ist hart. Es erfordert eine Menge Arbeit, sich soweit zu reflektieren, dass man begreift: “Hey. Woher kommt meine Einstellung zu Thema xy überhaupt? Was weiß ich? Was habe ich schon gesehen? Was habe ich erlebt? Was habe ich gehört? Von wem? Kann ich das relativieren? Darf ich in diesem Fall pauschalisieren? Brauche ich Statistiken und Beweise für meine Annahme?”

Man darf pauschalisieren. Man muss sich nur bewusst sein, dass man es gerade tut.

Unsere Handlungen würden um ein Vielfaches entschleunigt, wenn wir vor jedem verdammten Satz, den wir sagen möchten all diese Überlegungen anstellen würden. Ich gehe soweit, dass ich sage, wir wären so nicht überlebensfähig. Deswegen bin ich starke Verfechterin der Pauschalisierung und des Sprechens (aber immer im Rahmen einer diskriminierungsfreien Sprache!). Aber ich bin ebenso der Meinung, dass es uns gut tut uns immer wieder selbst zu reflektieren. Und möglicherweise auch zu entschuldigen, wenn wir selbst im Nachhinein unsere Aussage nicht mehr vertreten können. 

Was bedeutet das für Politiker und Influencer?

Den Begriff Influencer nutze ich in diesem Fall für alle Menschen, die irgendwie Einfluss auf eine besonders große Menschengruppe haben. Politiker und Influencer sind keine Privatpersonen. Was sie sagen, haben sie sich überlegt. Das passiert nicht “aus dem Gespräch heraus”. Sie dürfen sich nicht den Luxus erlauben einfach zu plappern, was ihnen gerade in den Sinn kommt und erst später über Folgen nachzudenken. Für Politiker und Influencer bedeutet das konkret, sich VORHER Gedanken zu machen über das was sie sagen. Über die Worte, die sie benutzen. Über die Folgen, die das haben kann und haben wird.

So viel ist ganz klar: Das wissen Polemiker, Politiker, Nachrichtensprecher, Musiker, Schauspieler, Influencer… das weißt jetzt aber auch du. Jedenfalls, wenn du den Artikel gelesen hast und nicht nur überflogen. Und deswegen weißt du jetzt, dass es Sinn macht zu überlegen:

  • Wer spricht zu mir?
  • Aus welchem Grund spricht er zu mir?
  • Was sind die Hintergründe dieses Menschen?
  • Was sind seine Absichten und Ziele?

Es kann helfen, etwas klarer zu unterscheiden zwischen Fakten und zwischen Manipulationsversuchen. Es KANN helfen. Aber auch nur, wenn wir selbst das wollen. Wenn wir soweit sind, soweit zu reflektieren und Ursache und Wirkung zu verstehen.

Deswegen benutze ich bestimmte Wörter nicht mehr. Deswegen ist es okay, “Behinderte” nicht mehr “Behinderte” zu nennen. Nicht, weil man ihnen diesen Status aberkennen möchte und nicht weil man selbst denkt, das Wort sei beleidigend. Sondern weil es lange Zeit als beleidigendes Wort genutzt wurde und diese Assoziation eine ist, die lange nicht aus dem Gehirn gestrichen werden kann. Deswegen sagen manche Menschen lieber “Menschen mit Behinderung” oder “Beeinträchtigte”. Um sich selbst sicherer zu fühlen. Deswegen sage ich in öffentlichen Gesprächen nie Hartz IV, sondern ALGII oder SBGII. Um den negativen Konsens zu vermeiden. Deswegen sage ich in öffentlichen Diskussionen nicht mehr “Flüchtling”, sondern “Geflüchtete Menschen”. In fachlichen Diskussionen sieht das anders aus. Da nutze ich oft die eigentlich wertneutralen Worte. Nur versuche ich, wo es geht, negative Assoziationen (die ja automatisch hergestellt werden) zu vermeiden.

Hach. Sprache ist interessant.

Vielleicht schreibe ich auch mal über Sprache und Gender, unter einem anderen Gesichtspunkt. Ich Links-Grün-Versiffter-Gutmensch (aaah, die Assoziationskette rattert in euren Gehirnen, ich seh es vor mir!) ;).

Was sind eure Gedanken dazu? Was könnt und möchtet ihr hinzufügen?

Koblenz

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